Was ist los in Güstrow-Dettmannsdorf?

An einer Ausfallstraße geht kurz vor dem Ortsausgangsschild der „Wald-Weg“ ab. Die kleine Straße mit den Straßenschäden führt in eine Siedlung von kleinen zweistöckigen Einfamilienhäusern die zu DDR Zeiten gebaut wurden. Vor jedem Häuschen gibt es einen Vorgarten, hinten auf der Terasse versammelt man sich im Sommer zu Grillfeiern. Es ist ruhig in Güstrow-Dettmannsdorf. Außer einigen Rentnerinnen sind kaum Menschen auf der Straße unterwegs. Das erste Gebäude gleich neben der Abzweigung von der Ausfallstraße ist das alte Internat der Deutschen Bahn. Auf der von Wind und Wetter mitgenommenen Fassade kann man das ausgeblichene Firmenlogo erkennen. Aus dem Jägerzaun rund um das Gebäude sind die Latten herausgebrochen worden. Fenster und Türen des Hauses sind mit Brettern verrammelt und zugenagelt. Etliche Jahre liegt die letzte Renovierung dieses Hauses zurück das bereits zu Zeiten der DDR errichtet wurde. Hier, in dieses Haus am Rande der Stadt sollen die Flüchtlinge einquartiert werden. Dagegen machten unmittelbar nach dem ersten Bekanntwerden dieses Planes eine Gruppe von Anwohner_innen Front.

“Ich habe nichts gegen Ausländer. Aber…“

In dieser Einfamilienhaus-Siedlung leben eher die ideellen Wähler_innen der großen Koalition im Schweriner Landtag als die der NPD. Gleichwohl haben sie mit ihrem Brief den Neonazis ein Angebot gemacht. Die NPD muss keine große Propaganda in diesem Stadteil Güstrows mehr machen, denn „die Dettmannsdorfer“ hatten in ihrem offenen Brief kaum ein rassistisches Motiv ausgelassen. Im unmittelbar benachbarten Plattenbau-Gebiet Distelberg wohnen allerdings einige Mitglieder der “Nationalen Sozialisten Güstrow”. Hier veranstaltete die NPD bereits Infostände. Der Distelberg gilt als Homezone der Nazis. Als die Bürgerinitiative der Dettmannsdorfer ihren Offenen Brief veröffentlichte, reagierten die Neonazis aus dem Nachbarstadtteil mit einer umfangreichen Flyer-Aktion, kurz darauf folgte ein Buttersäure-Anschlag auf das verwaiste Bahngebäude im Wald-Weg.

Vieles scheint auf den ersten Blick an Wolgast zu erinnern. Auch dort war im Sommer und Herbst vergangenen Jahres eine Welle rassistischer Ressentiments hochgekocht als im Stadtteil Wolgast Nord eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet wurde. In einem Fernsehbeitrag des NDR äußerten interviewte Anwohnerinnen und Anwohner des Stadteils, der auch zuvor bereits als sozialer Brennpunkt galt, plumpesten Rassismus und Sozialchauvinismus. Dies dürfte im aktuellen Falle Güstrows etwas anders liegen. Die Dettmannsdorfer haben keinen Sozialneid. Sie wollen schlichtweg unter sich bleiben – mit ihren kleinen Häuschen und ihren kleinen Gärten. Daher kommen die wilden Phantasien von explodierender Kriminalität, Sachbeschädigung und Ruhestörung welche sie in ihrem offenen Brief ausgebreitet haben. Doch sei es, wie es sei. Die Dettmannsdorfer haben gerufen und die NPD wird kommen. Liest man sich den Brief der “besorgten Anwohner” durch, dann denkt man sich, dass sie doch eigentlich ganz gut zusammen passen, die kleinen Hausbesitzer und der Gold- und Juwelenhändler aus Lübtheen.

Immer wieder fällt in der Presseberichterstattung über die Auseinandersetzungen der Name einer Kindertagesstätte. Der Leiter der Kita-Känguru hatte sich sehr stark für die Sache der Dettmannsdorfer eingesetzt. Im Zuge der öffentlichen Empörung über die Art und Weise in der die Bürger sich geäußert hatten ruderte der Leiter Steffen S. zurück. Eine Petition wurde zurückgezogen, Distanzierungen veröffentlicht. Über allem steht allerdings ein dickes „Ja, aber“. Ein Bericht der Ostsee-Zeitung zitiert den Leiter der Kita tatsächlich mit dem altbekannten Satz “Ich habe nichts gegen Ausländer. Aber…“. Diese Äußerungen sind symptomatisch für Leute, die auf den Stammtisch hauen und darauf bestehen, dass man dieses und jenes jawohl nochmal sagen können müsse, die aber dafür nicht gerne Rassisten genannt werden wollen.

Lager, Heime oder dezentrale Unterbringung?

Hinter der Kindertagesstätte Känguru kommt nicht mehr viel. Alte Eichenbäume säumen den Weg zu einem Sportplatz, der verlassen im winterlichen Schnee liegt. Von Ferne sind Kettensägen aus dem Kiefernwald am Stadtrand zu hören. Einige Wildgänse fliegen über den Baumwipfeln. Menschen sind hier draußen nicht mehr zu sehen.

Das gut gemeinte „Refugees Welcome“ welches Aktivist_innen an das leerstehende Bahngebäude gesprüht haben gerät zu einer bitteren Geste. Eigentlich kann niemand wollen, dass hier Menschen leben müssen. Nicht nur, weil die zukünftigen Nachbarn sich beeilt haben schnellstens möglichst unfreundliche und rassistische Signale zu senden. Das zukünftige “Heim” liegt so weit ab vom Schuss wie es der Erlass der Landesregierung zur Schließung sogenannter Dschungelheime vor etwas mehr als 10 Jahren gerade so zulässt.

Es geht also nicht darum, dass die Flüchtlinge ausgerechnet hier in ein “Heim” gesteckt werden. Antirassistische Initiativen fordern seit jeher eine dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen, die es ihnen erlaubt in unserer Gesellschaft anzukommen, die deutsche Sprache zu lernen und am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Auch wenn die Flüchtlinge in Güstrow nicht in einer alten Kaserne mitten im Wald versteckt werden sollen – die Stadtgrenze verläuft praktisch hinter dem Haus, bis zum Wald sind es nur noch wenige hundert Meter. Bei den angekündigten Protesten gegen den Aufmarsch der NPD geht es also folglich nicht darum dieses „Heim“ zu fordern, es geht darum gegen rassistische Propaganda aufzutreten. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist kein Alleinstellungsmerkmal der Mitglieder und Wähler_innen einer einzigen Partei im Landtag. Deswegen lautet das Motto für den 23. März in Güstrow „Rassisten stoppen!“.

Quelle: Parallaxe

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